Von Festivals, Cheeseburgern und Männern in Hühnerkostümen

Von Festivals, Cheeseburgern und Männern in Hühnerkostümen

03. September

Mittlerweile bin ich seit fast 2 Wochen in Chicago und erzähle euch mal was ich so erlebt habe! Letzten Samstag war ich mit meiner Mitbewohnerin Sara (die allerdings im Appartement nebenan wohnt) in Downtown. Später kam Fabian noch dazu und wir sind zum Millennium Park gegangen, in dem auch das Cloud Gate steht. Das ist eine verspiegelte Skulptur vor dem gefühlt jeder Tourist ein Foto macht. Die Skulptur ist aber auch wirklich schön, weil sich einerseits der grüne Park und andererseits die Hochhäuser der Stadt spiegeln. Wir haben uns dann an den Jay Pritzker Pavilion (eine große Bühne direkt im Millennium Park) gesetzt, da dort die letzte Aufführung des Chicago Dancing Festival stattfinden sollte. Das Beste daran: Es ist komplett umsonst! Jeder kann dorthin kommen und sich die Aufführung anschauen. Die meisten Leute haben dafür auch alles mitgebracht was einem so in den Sinn kommt: Campingstühle, Kühltruhen, Tische inklusive Tischdecken und sogar Lichterketten. Total cool! Die Aufführung war auch richtig schön, es wurden viele verschiedene Tänze gezeigt: von Ballett zu Street Dance bis hin zu sowas wie modernem Tanz bei dem sich die Tänzer irgendwie ganz komisch über mehrere Tische gezogen und dabei hektische Bewegungen gemacht haben. Sara und ich fanden das ehrlich gesagt ein bisschen gruselig, aber jeder hat ja seinen eigenen Geschmack J.

Am Sonntag war ich im Union Park, der nur 5 Minuten zu Fuß von unserem Appartement entfernt ist. Dort gibt es einen großen Pool, für den man keinen Eintritt zahlen muss! So hab ich also am Sonntag noch ein bisschen Sonne getankt. So oft wie die Leute aus Chicago uns vor dem fiesen Winter hier warnen, fühlt man sich fast gezwungen noch so viele Sonnenstrahlen wie möglich abzukriegen J.

Am Montag war ich tagsüber mit Pepa unterwegs und wir haben ein paar ihrer Elders besucht. Wir waren mit einer Dame einkaufen, die die Mitarbeiter des Supermarkts wirklich durch den Laden gejagt hat damit sie ihre Einkaufsliste abarbeiten. Die Mitarbeiter nahmen es aber mit Humor J. Auf dem Weg zurück zur Wohnung der Dame erzählte sie uns, dass sie früher jeden Tag High Heels getragen hat und sehr viele Männer in ihrem Leben kennengelernt hat. Ihr Alter wollte sie uns allerdings nicht verraten. Wenn sie danach gefragt wird, antwortet sie grinsend nur mit einem "I lie!". Nach einem Lunch bei iHop (Pancakes!) haben wir noch eine andere Dame besucht, die in einem Nursing Home wohnt. Das war der erste Besuch bei dem mir nicht ganz so wohl war. Das Nursing Home sah relativ heruntergekommen aus und die Senioren lagen dort auf sehr engem Raum zusammen. Der Dame brachten wir zwei Cheeseburger und zwei kleine Apple Pies mit, da sie die super gerne isst (allerdings nur die von McDonalds!). Sie aß die Cheeseburger so unglaublich schnell auf, dass wir Angst hatten sie würde sich verschlucken. Wir erfuhren dann auch warum sie sich so beeilte: Sie wollte die Burger nicht mit ihrer Mitbewohnerin teilen und wollte daher alles essen bevor die Mitbewohnerin mitbekommt dass wir etwas zu essen mitgebracht hatten. Sie sagte uns mehrere Male, dass wird doch einfach sagen sollen, dass wir nur einen einzigen Cheeseburger gebracht hätten. Dann wäre ihre Mitbewohnerin nämlich nicht so beleidigt. Wir erklärten ihr, dass es vielleicht nicht die feine Art sei die Mitbewohnerin zu belügen, aber das ignorierte die Dame sehr gekonnt. Auch von dem Vorschlag einfach einen Cheeseburger abzugeben hielt sie nicht sehr viel. Besagte Mitbewohnerin war dann trotzdem sauer auf uns alle und legte sich trotzig mit dem Rücken zu uns auf ihr Bett. Die beiden zankten sich noch ein bisschen, teilten im Endeffekt dann die Apple Pies miteinander und schienen wieder versöhnt. Mit gutem Gewissen konnten wir die beiden also dann verabschieden und da war der Arbeitstag auch schon rum. Abends war ich dann mit Pepa und einer ihrer Freundinnen bei einem Thailänder essen, wo jeder einfach seine eigenen Getränke mitbringt. Dazu werden von der Bedienung noch Gläser und ein Eimer voller Eiswürfel gereicht. Verrückt oder? Die Party, auf der wir danach waren, war auch nicht weniger verrückt. Man konnte dort Chicken Wings essen, die von Männern in bunten Hühnerkostümen serviert wurden. Dazu lief Electromusik. Jaja, die Amis... J.

Am Dienstag bin ich mit Anne, einer weiteren Freiwilligen bei Little Brothers, zu einem Senior Center gefahren, um einige ihrer Elders zu besuchen. An dem Tag wurde der Jahrestag der Gründung des Centers gefeiert und so konnten Anne und ich mit den Senioren des Centers eine Anniversary Show genießen, die aus einer Frau am Klavier und vielen alten Liedern bestand. Die Senioren hatten richtig Spaß, bewegten sich im Takt der Musik oder sangen sogar mit. Bei Songs wie "Itsy Bitsy Teenie Weenie Yellow Polka Dot Bikini" lachten sie sich auch mal schlapp und klatschten in die Hände. Am Ende wurde, so wie es sich in Amerika gehört, natürlich noch ein patriotisches Lied angestimmt. "God Bless America". Die Amerikaner lieben ihr Land wirklich abgöttisch. Überall sieht man die amerikanische Flagge: an Häuserwänden, Handgelenken, Badeshorts.

Am Mittwoch fand eine große Labor Day Party hier im Little Brothers Gebäude statt, zu der wir einige Senioren abholten. Außerdem waren Sara und ich für die Blumenvasen zuständig. Wir haben die Blumen so toll geschnitten, dass wir doch glatt über eine Karriere im Blumenbusiness nachdachten. Während der Party spielte eine Band und es wurde ein Drei-Gänge-Menü serviert, welches komplett vom Peninsula Hotel in Chicago geliefert und gesponsort wurde. Die Stimmung war super und die Senioren hatten sichtlich Spaß. Abends bin ich dann nach Downtown gefahren, um mich mit Kalina zu treffen, die ich vorher über Couchsurfing kennengelernt hatte.

Am Donnerstag und Freitag war ich dann mit meinen PC's Karacan und Vicky unterwegs, das sind quasi meine Supervisor. Da habe ich dann schon ein paar der Elders kennengelernt, die ich in den nächsten Monaten regelmäßig besuchen werde. Eine der Elders erzählte mir zum Beispiel, dass sie Actionfilme mag, also werden wir wohl so bald wie möglich einen anschauen! Karacan wollte mir unbedingt noch eine Dame vorstellen, die sie selber besucht. Die Frau hat sehr starke Demenz und wirkte etwas abwesend während unseres Besuchs. Allerdings hat sie immer ein Lächeln auf den Lippen und musste manchmal selber schmunzeln wenn sie etwas nicht mehr wusste. Als wir dann ihre Lieblingslieder auf dem Handy gespielt haben, hat sie gesungen wie ein Profi und kannte jede einzelne Textzeile. Das war unglaublich und für mich einer der bisher schönsten Momente hier. Ich habe richtig Gänsehaut bekommen! Freitagnachmittag habe ich dann meine neue Mitbewohnerin und Arbeitskollegin Delphine am Flughafen abgeholt. Der Weg zum Flughafen war trotz Umstieg zum Glück doch gar nicht so schwer wie ich dachte! Abends haben wir alle zusammen gekocht und ich kann nur sagen, dass ich mich sehr auf die kommende Zeit mit meinen Mitbewohnern freue!

Am Samstag ging es für Kalina und mich dann aufs North Coast Music Festival, welches im Union Park stattfand. Ich konnte also hin- und wieder zurücklaufen ohne einen Bus oder die Bahn zu nehmen (Luxus!). Das Festival war super und leider ging der Tag viel zu schnell zu Ende. Ich habe dort das erste Mal in einer Silent Disco getanzt. Man bekommt am Eingang Kopfhörer, über die man die Musik hören kann, die vorne von den DJs gespielt wird. Setzt man die Kopfhörer aber ab sieht es aus als würden die Leute etwas wahnsinnig und wild um einen herumspringen.

Heute sind Sara, Delphine und ich am Hafen entlang spaziert und haben uns an den Strand gelegt. Danach haben wir noch ein Jazz-Konzert im Millennium Park angeschaut (umsonst!) und sind dann nach Hause gegangen. Da morgen Labor Day ist und wir den Tag frei haben, haben wir uns entschieden diesen Tag sehr sinnvoll zu nutzen: Zum Shoppen J.

Ich habe wieder viel erlebt und wieder viel geschrieben. Ihr müsst ja auch nicht alles lesen, Fotos gucken ist ja auch schön J. Ich bin sehr glücklich hier in Chicago und freue mich über jeden Tag den ich hier sein darf. Meine Arbeit sehe ich gar nicht als Arbeit an, ich mache es einfach gerne! Und die süßen Sachen, die ich bis jetzt schon von den Senioren zu hören bekommen habe, reichen ganz locker für meine Motivation der nächsten Monate J

 

P.S.: Ich habe jetzt eine amerikanische Handynummer! Über die deutsche könnt ihr mich also erst wieder in einem Jahr erreichen.


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