Chicago, my kind of town

Chicago, my Kind of town

17. September

Oh Chicago... ich bin verliebt! Diese Stadt ist einfach mega! Unser Zuhause (und damit das Little Brothers Gebäude) liegt inmitten vieler Lagerhallen, das nächste Wohngebiet ist ein paar Straßen entfernt. Mit der Metro fährt man in Richtung Osten und ist innerhalb von ein paar Minuten mitten im Geschehen: in Downtown. Hier findet man Geschäfte, Touri-Hotspots wie Navy Pier, Millennium Park und Willis Tower, hektische Menschen und gefühlt an jeder Ecke einen Starbucks. Ich muss mich immer noch an den Anblick von Menschen gewöhnen, die laut mit sich selbst diskutieren. Die Kopfhörer die sie im Ohr haben sieht man nur immer erst so spät. Auch noch ungewohnt für mich ist es soo viele Menschen zu sehen, die auf der Straße leben. Ich werde hier jeden Tag mehrmals nach Geld gefragt und die Leute sprechen dich dabei meistens direkt an. Das kenne ich aus Deutschland gar nicht so und ich fühle mich schon immer schlecht wenn ich ihnen dann nichts gebe. Einige sind aber auch sehr komisch drauf und man möchte denen nachts eher nicht auf der Straße begegnen. Sie schreien rum, springen wild durch die Gegend oder beschimpfen Passanten. Auch ich wurde schon von einer Frau beschimpft. Sie meinte ich soll mal arbeiten gehen und nicht so faul sein, aber ob ich Geld für sie hätte hat sie dann trotzdem gefragt. Ich hätte mich fast für den Tipp bedankt, aber bin dann doch lieber einfach weitergegangen.

Geht man von uns 15-20 Minuten Richtung Norden ist man in Wicker Park, einer kompletten Hipster-Hochburg. Um hier nicht aufzufallen trinkt man Organic Lemonade aus Marmeladengläsern, shoppt in Thriftstores und ist insgesamt total hip und anti-mainstream. Das erinnert mich fast an so manche Ecken in Europa. Hat aber irgendwie was J. Die Gegend ist richtig schön und es gibt viele kleine Restaurants und Läden, in denen man gut seine Zeit verbringen kann. Letztes Wochenende war ich mit meinen Mitbewohnern in Wicker Park. Freitags sind Sara, Delphine, Fabian und ich zu einem Pub Crawl dort gegangen, der von einem Couchsurfer aus Chicago "gehosted" wurde. Keiner kannte sich und trotzdem hatten wir einen supertollen Abend! Unser Host zeigte uns verschiedene Bars (es gab sogar Kölsch!) und irgendwann entschlossen wir uns alle zusammen noch zu einem anderen Couchsurfing Event zu fahren. Einer Hausparty. Es war richtig cool und wir haben die verschiedensten Menschen aus verschiedensten Ländern kennengelernt, manche waren nur fürs Wochenende hier, auf der Durchreise, aus Nachbarstädten oder kommen aus Chicago. Am nächsten Tag sind Delphine, Pepa und ich ein bisschen durch die Läden in Wicker Park gegangen und haben eine total süße Craft Fair besucht. Danach sind wir zu einer Sunset Rooftop Party gegangen, die jemand über Couchsurfing organisiert hatte. Ohne allzu große Erwartungen standen wir dann 5 Minuten zu früh vor der Tür des Gastgebers (muss so sein, ich bin ja schließlich deutsch), der uns total nett empfing und uns in sein Appartement einlud. Und hallelujah, was war das? Ein total moderner Mega-Loft. Und der Rooftop hat noch eins draufgesetzt! Wir kamen die Treppen hoch und mir hat es wirklich fast den Atem verschlagen - der Ausblick war so so wunderschön!! Wir konnten die komplette Skyline sehen und hatten hinter uns den Sonnenuntergang. Nach und nach kamen noch mehr Couchsurfer und schon bald war der ganze Rooftop gut gefüllt. Bei Bier und Nachos habe ich mich mit den verschiedensten Menschen unterhalten: mit Karla, die aus Mexiko kommt und hier als Aupair arbeitet, mit David, der erst vor kurzem von einem Auto mit 70 mph angefahren wurde und seitdem alle seiner vorderen Zähne vermisst, mit einem Couchsurfer aus Chicago, der deutschen Rap liebt und mir Songs von Sido und Fler vorgespielt hat, und vielen mehr. Danach sind wir alle zusammen in die Beauty Bar gegangen - eine Bar in der man tanzen, trinken und sich gleichzeitig die Nägel machen lassen kann. Normal feiern geht hier nicht J. Am Sonntag haben wir Besuch bekommen von Melissa und Paula, unseren World-Horizon Mitfreiwilligen, die jetzt in Michigan leben. Wir hatten einen richtig schönen Tag in Downtown, der (natürlich) mit einer Deep Dish Pizza endete.

Und auch bei Little Brothers wurde es diese Woche nicht langweilig. Wir waren auf einem Fishing Trip, der mehr aus Essen und Karten spielen bestand als aus Angeln. Außerdem habe ich ein paar Senioren zum Little Brothers Movie Club abgeholt, bei dem wir hier erst ein Lunch hatten (inklusive Sweet Potato Pie.. yuuum) und dann einen Film geguckt haben. Natürlich gab es für die Elders auch Popcorn J.

 Mit den Elders hat man hier die unterschiedlichsten Gespräche. Von der bevorstehenden Präsidentschaftswahl, über das Altern bis hin zu Themen, bei denen man leicht schmunzeln muss - Senioren sind manchmal knallhart und nehmen wirklich kein Blatt vor den Mund. So erzählte mir doch eine Seniorin, dass sie im Internet ein Bild von einer nackten Michelle Obama gesehen hätte. Allerdings mit männlichem Geschlechtsteil. Sie hätte dann panisch ihre Freundin angerufen, die sich daraufhin auch das Bild angeschaut hat und fast in Ohnmacht gefallen wäre. Ich erzählte ihr dann, dass es ja Photoshop gäbe und das Bild bestimmt nicht echt wäre. Da war sie doch sehr erleichtert und meinte dass sie es sich auch nicht hätte vorstellen können, dass Obama einen Transsexuellen liebe. Nun gut. Mit einer anderen Seniorin kam ich auf Gefängnisse in den USA zu sprechen und da sagte sie mir irgendwann, dass die Prison Inmates meistens ganz schön heiß aussehen wenn sie aus dem Gefängnis kommen. Weil sie da ja so viel trainieren. ("Those inmates.. like damn. When they get out of prison, they be looking real nice. With their muscles all over, uhhh."). Ich schlug ihr dann vor einen Ausflug ins nächstgelegene Gefängnis zu machen, da mussten wir dann beide sehr lachen. Eine andere Seniorin erzählte uns von ihrem früheren Job. Sie war Krankenschwester und musste auch mal bei einer Obduktion dabei sein. Sie sagte dass der Mann der da auf der Trage lag total gutaussehend gewesen wäre.. aber ja leider tot! Manchmal kann man sich auch nicht so sicher sein, ob es wirklich wahr ist was die Elders einem so erzählen. Eine Seniorin erzählte uns zum Beispiel, dass sie so viel abgenommen habe weil sie jeden Tag 80 Meilen in 4 Stunden gelaufen wäre. Wir mussten drei mal nachfragen, weil wir dachten wir hätten sie falsch verstanden. 80 Meilen sind 128 Kilometer. Also drei Marathons hintereinander innerhalb von 4 Stunden. Wir guckten dann etwas ungläubig, aber weil sie so fest davon überzeugt war, haben wir dann nur genickt und ihr einen kleinen Applaus gegeben. Außerdem fragten wir sie ob sie uns denn irgendwann mal beibringen könne wie das geht! Und immer wieder gibt es diese süßen Momente mit den Elders. Von einem meiner Senioren, der sehr schwach ist und im Rollstuhl sitzt, bekam ich zu unserem ersten Treffen Komplimente und einen Handkuss. Ein anderer schwärmte von einem Pizzarestaurant in dem er seit Jahrzehnten nicht mehr war und wollte mich dort unbedingt mal einladen. Und mir Geld für die Autofahrt geben! Eine bettlägerige Seniorin ist ein großer Fan der Chicago Cubs und will mir nächstes Mal auf jeden Fall die Baseball-Spielregeln beibringen. Eine andere Seniorin kann ein bisschen deutsch und nennt mich seit unserem ersten Treffen ihre Schwester. Hach.. es ist so schön. Manche Elders sind von Anfang an zuckersüß, andere wiederum haben wirklich eine harte Schale. Aber man merkt irgendwie trotzdem, dass ihnen der Besuch etwas bedeutet.

 

Meine "Trainingswochen" sind jetzt zuende, das heißt, dass ich ab Montag alle meine Besuche und Ausflüge selber planen und alleine durch die Stadt fahren muss. Und das ist wirklich gar nicht so einfach. Die Leute fahren hier teilweise als gäbs kein Morgen mehr und bei den Schlaglöchern auf den Straßen Chicagos tut einem das Auto richtig leid. Ich hoffe das wird alles klappen! Ich werde berichten J.


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