1-month anniversary

1-Month Anniversary!

27. September

Einen Monat bin ich jetzt hier. Wenn ich an meinen Abschied denke dann kommt mir der Monat vor wie ein Jahr. Aber wenn ich an meine Erlebnisse hier denke, dann kommt mir der Monat vor wie ein paar Tage!

Vorletztes Wochenende war ich mit Delphine in Lincoln Park, einem Stadtteil im Norden Chicagos. Dort gibt es unter anderem einen Zoo, den man komplett umsonst besuchen kann. Da mussten wir natürlich hin J Der Zoo ist relativ groß - der Platz für die Tiere aber trotzdem ganz schön klein. Ganz so wohl haben wir uns damit nicht gefühlt und sind dann ins Conservatory nebenan gegangen. Das ist so was wie ein Tropenhaus mit vielen verschiedenen Pflanzen. Und das war richtig schön! Danach waren wir in einer typischen Sportbar essen und es gab zur Abwechslung mal einen Salat (Bier und Pommes auf dem Foto an dieser Stelle bitte einfach wegdenken). Ein sehr schöner Tag!

Am Mittwoch habe ich Besuch aus Deutschland bekommen! Selina, mit der ich zusammen meinen Master in Leiden gemacht habe, ist momentan mit einem Freund auf USA-Rundreise und sie haben auch einen Stopp in Chicago gemacht. Zu diesem Anlass gab es natürlich eine Deep Dish Pizza J Danach waren wir in einer Rooftop Bar, von der man einen mega tollen Blick über den Millennium Park hatte. Eigentlich hatten wir gar nicht geplant noch wegzugehen... wir sind dann aber trotzdem durch ein paar Zufälle in einer verrückten Bar in Wrigleyville gelandet, in der wir bis morgens getanzt haben. Beziehungsweise Baseball gespielt. Ja, man konnte in der Bar Baseball spielen! Und als wäre das nicht genug gab es im Nebenraum zwei Klavierspieler, die gleichzeitig und gegeneinander Lieder gespielt haben. Der Bessere bekam dann Geld in einen Topf auf seinem Klavier. So viel zum Thema normal feiern geht hier nicht J

Letzten Freitag waren wir mit anderen Couchsurfern in einer Bar. Es gab dort KÖLSCH. Richtig echtes Reissdorf Kölsch. Aus dem Zapfhahn! Da musste ich ja gezwungenermaßen erstmal zuschlagen.

Am nächsten Tag war dann Museumstag und man konnte einige Museen kostenlos besuchen. Wir sind ins Planetarium gegangen, weil es sonst relativ teuer ist und man von dort einen tollen Blick auf die Skyline hat. Es war seeehr schön! Danach waren wir noch ein bisschen in Downtown und haben die letzten Sonnenstrahlen im Millennium Park genossen... bevor es dann los ging zu einer 90s Party in der Beauty Bar J

Und wie ihr seht, ich lebe noch - auch nach meinen ersten "Allein-Tagen" bei Little Brothers. Am ersten Tag an dem ich alles selbst geplant habe und alleine durch die Stadt gefahren bin, war ich wirklich richtig nervös und musste mir ein paar Mal selbst gut zureden. Mit Handynavi und zwei supersüßen Elders wurde der Tag aber richtig schön und es war gar nicht so schwer, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wir waren zuerst bei Applebee's essen und haben danach eine kleine Shoppingtour durch den Walmart gemacht.

 

Die darauffolgenden zwei Wochen habe ich auch sehr viel mit meinen Elders erlebt - allerdings lief nicht alles wie am Schnürchen..

An einem Tag habe ich Matilde, unsere neue Kollegin aus Frankreich, zu meinen Besuchen mitgenommen. Wir haben zuerst Miss F. besucht, die uns fragte ob wir mit ihr zu einem Supermarkt fahren könnten. Leichtsinnig wie wir waren haben wir natürlich zugestimmt und sind ihren Directions, die sie uns vom Rücksitz zurief, gefolgt. Und ja, das nennt man leichtsinnig. Man kommt dann nämlich niemals dort an wo man hin will und schon gar nicht schnell J. So fuhren wir also gefühlt durch die halbe Stadt und lauschten den gar nicht mal so freundlichen Tönen vom Rücksitz. Als ich es wagte mein Handy-Navi zur Hand zu nehmen erntete ich nur einen bösen Blick. Irgendwann sind wir dann aber trotzdem angekommen und da brauchten wir zur Beruhigung erstmal einen Smoothie. Und der Tag wurde nicht einfacher.. Zur nächsten Seniorin, Miss A., waren wir dank des ausgearteten Shoppingtrips natürlich zu spät. Obwohl wir Cheeseburger und Pommes für Miss A. dabei hatten empfing sie uns nicht ganz so nett - es war mehr so: "Yo, where's my food at?". Auch während unseres Besuchs taute sie nicht wirklich auf und die Krönung war natürlich, dass ich das Puzzlebuch was ich ihr gekauft hatte, im Auto vergessen hab. Wie konnte ich das bloß wagen!? Nachdem ich es ihr dann aus dem Auto geholt hatte und sie noch ein paar Mal böse vor sich hin geschnaubt hat war es dann aber auch gut und später war sie dann (verhältnismäßigJ) nett.

Bei meinem Besuch bei Miss D. drehte es sich größtenteils um den Kuchen, den ich ihr nicht gekauft hatte (obwohl ich ihr extra ihr Wunsch-Eis mitgebracht habe). Beim Abschied musste sie mir dann nochmal mit einem gekünstelten Lächeln sagen wie gerne sie doch jetzt einen Kuchen essen würde aber, tja, sie hätte dank mir ja leider keinen!!

Ja.. die Elders sind nicht immer nur zuckersüß und superlieb J. Aber so ist das ja auch bei uns. Wir müssen uns ja auch erstmal an neue Menschen gewöhnen und schlechte Tage gibt es immer mal. Trotzdem ist man bei solchen schwierigen Besuchen erstmal etwas überfordert und weiß nicht so recht wohin mit sich. Dafür gibt es aber eben auch hundert Mal so viele schöne Momente hier bei Little Brothers J Zum Beispiel habe ich Miss N., die in einem Nursing Home wohnt, ein pinkes Glitzernotizbuch mitgebracht, damit sie die Addressen ihrer Verwandten dort reinschreiben kann. Ich sagte ihr dann dass ich mir nicht sicher war, ob sie die Farbe überhaupt mag - da lächelte sie mich nur schief von der Seite an und sagte, dass alles was ich ihr bringe schön sei.

Oder: Miss B. hatte letzte Woche Geburtstag und so habe ich ihr eine "Birthday Bag" vorbeigebracht - eine Little Brothers Tüte voller kleiner Geburtstagsgeschenke, die teilweise von Schulkindern aus Chicago gemacht wurden. Sie packte die Geschenke aus und grinste über beide Ohren. Eines der Geschenke war ein einfacher Geldbeutel - aber als sie merkte, dass ihr Handy da auch noch perfekt reinpasst gab es fast kein Halten mehr J.

Und dann gab es noch diesen einen ganz besonderen Besuch. Der komischste und gleichzeitig schönste! Ich habe Mister A. in seinem Nursing Home besucht. Auch wenn er sich nicht mehr daran erinnern konnte wer ich bin, wusste er genau was Little Brothers ist. Er zeigte mir dann erstmal stolz alles was er jemals von Little Brothers bekommen hatte und lächelte vor sich hin. Wir haben dann ein bisschen gequatscht und er erzählte mir von einem Vorfall bei dem zwei Männer ihm auflauerten und mit Messern auf ihn einstachen (ob das allerdings wirklich so war weiß man nicht so richtig). Da fing er auf einmal ganz schlimm an zu weinen. Das war so richtig herzzereißend! Er wollte mir dann auch unbedingt seine Narbe zeigen, stand auf und zog seine Hose runter. Komplett. Nackt stand Mister A. dann vor mir und erklärte mir völlig ruhig wie das mit der Narbe denn genau passiert war. Etwas perplex schickte ich ein stilles Gebet gen Himmel und hoffte, dass bitte nicht genau in diesem Moment eine Krankenschwester das Zimmer betritt. Kurze Zeit später setzte sich Mister A. aber wieder hin und zog dabei glücklicherweise auch seine Hose mit hoch. Allerdings fing er wieder an zu schluchzen und ich schlug ihm vor, dass ich zur Ablenkung ja ein bisschen von mir erzählen könnte. Ich erzählte dann woher ich komme und was ich bis jetzt so in meinem Leben gemacht hab und dass ich ihn jetzt öfters besuchen kommen werde. Da fing er wieder schrecklich an zu schluchzen. Ich wusste gar nicht mehr wie ich ihn noch beruhigen könnte - bis er sagte, dass er gerade "tears of joy" weinen würde. Einfach weil er so glücklich sei, dass ich da bin. Hach! Später sang er dann noch ein paar Gospelsongs für mich und überredete mich zu einem Duett. Händchenhaltend saßen wir also in Mister A.'s Zimmer, sangen zusammen "You are my sunshine" und beschlossen bald eine Band zu gründen. So ein schöner Besuch, ich war richtig gerührt!

P.S.: Dieses Foto habe ich im Lincoln Park Zoo gemacht. Vielleicht will ich doch keinen Baby-Maulwurf mehr haben..


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