Draketober

Draketober

13. Oktober

Am 05. Oktober war es soweit - Draaaake (und Future) in Chicagooo! Mit einer Freundin bin ich erst bei uns um die Ecke etwas essen gegangen und von dort aus sind wir zum United Center gelaufen, was nur 10 Minuten von meinem Appartment entfernt ist. Das United Center ist ein bisschen kleiner als die Kölnarena, aber viel beeindruckender. Es hängen zum Beispiel riesengroße Banner an der Decke auf denen die Meisterschafts-Siege der Chicago Bulls aufgelistet sind. Die spielen nämlich sonst hier. Um 18:30 sollte das Konzert anfangen und drei (!) Stunden später war es dann auch schon so weit! Zwischenzeitlich hatte ein Rapper gerappt, ein Sänger gesungen und ein DJ gedj't - aber drei Stunden Warten waren schon ganz schön lange. Die Show war aber umso cooler und ich war von Anfang bis Ende völlig im Fangirl-Modus... schreien, mitsingen, rumspringen, glücklich sein. Es war mega mega gut und ich singe jetzt noch lauter zu all seinen Songs, die hier im Radio laufen.

Auch neben dem Konzert habe ich viel erlebt: die "Presidential Debate", gemütliche Abende mit meinen Mitbewohnerinnen, Pumpkinsoup, Pumpkinpie, Pumpkin-everything, erste Erfolgserlebnisse im Fitnessstudio (und das obwohl ich hier jeden Tag für mindestens drei Menschen esse), eine "Babyshower" für drei Mitarbeiterinnen von Little Brothers, die bald Mamas werden, schöne sonnige Herbsttage in der Stadt, Lagerfeuer und mein erstes S'more (gerösteter Marshmallow und Hershey's Schokolade zwischen zwei süßen Graham Crackers - klingt eklig, ist auch ein bisschen eklig, aber irgendwie auch richtig gut) und feiern mit Freundinnen! Am Montag waren wir zum Beispiel spontan in einer Bar, in der eine Performance von mehreren Leuten stattfand. Es ging dort um Gender-Freiheit oder wie auch immer man es nennen möchte - der Raum war also voll von Männern, die wie Frauen aussehen, Frauen, die wie Männer aussehen, Frauen-Frauen, Männern-Männern, Schwulen, Lesben, irgendwas dazwischen, bunten Haarfarben, Super-Hipstern. Und ganz vorne auf der Bühne eine splitternackte Frau Ende zwanzig, die gemütlich auf dem Stuhl saß und die Show moderierte. Wir kamen genau zum richtigen Zeitpunkt, denn es war Confession-Round und die Leute riefen dann ihre Geheimnisse aus dem Publikum und der Rest klatschte dann Beifall. Die Geheimnisse waren auch nicht gerade unpersönlich. Es war alles so abgedreht, aber irgendwie hatte es was. Ein Mädchen hat dann noch gesungen und das tat ganz dolle in den Ohren weh, aber jeder hat sie total unterstützt und ihr liebe Worte zugerufen. Sie war happy und wir waren es dann einfach auch.

Und auch von meinen lieben Elders kann ich wieder ein paar Geschichten erzählen! Miss A. habe ich ein paar schöne Blumen mitgebracht. Sie hielt die Blumen ganz nah vor ihr Gesicht, atmete begeistert tief ein und aus - dass die Blumen aus Plastik waren störte sie dabei wenig. Ich hab ihr außerdem ein paar bunte Bleistifte mitgebracht, die sie so toll fand, dass sie sie in ihre Haare steckte (und sich dann wunderte wo denn bloß die ganzen Stifte wären). Miss A. ist 98 Jahre alt und super klein und zierlich. Man könnte fast meinen sie würde gleich zerbrechen, aber sie ist trotzdem richtig hibbelig und hat (wirklich ganz ernst gemeint) genau den gleichen Humor wie ich. Veräppeln tut sie mich auch! Sie hat früher als Kosmetikerin gearbeitet und findet es total traurig, dass ihre Nägel gar nicht mehr so toll aussehen wie früher. Also bringe ich nächstes Mal Nagellack mit und wir machen einen Girl's Day!

Miss T. wohnt wie Miss A. auch in einem Nursing Home und ihr wurde vor Monaten ihr linkes Bein amputiert. Ihrer Zimmernachbarin aber das rechte - also teilen sich die beiden ihre Schuhe und freuen sich, dass sie nur die Hälfte des Schuhpaares bezahlen müssen. Miss T. redet unglaublich leise und manchmal verstehe ich sie sehr schlecht. Wenn sie dann aber neugierig nach meinem Liebesleben fragt, ist ihre Stimme plötzlich viel lauter. Haha.

Mister A., mein nackter Senior, war dieses Mal nicht ganz so nackt, hat aber dafür trotzdem wieder sehr viel geweint. Es ist einfach so niedlich, wie er da in seinem Rollstuhl sitzt, sein Gospellied singt (es ist immer das gleiche) und ihm dann die Tränen die Wange runterkullern. Er lacht dann selbst über sich und sagt, dass er sich einfach nicht unter Kontrolle hätte sobald er Gospel singen würde!

Mit Miss B. war ich ein Eis essen und unsere Gesprächsthemen drehten sich hauptsächlich um Krankheiten, Verstopfung und wie der Körper sich generell im Alter verändert. Passend zum Essen also. Die Senioren erzählen einem wirklich manchmal im kleinsten Detail was wie, wo, wann aus ihnen rauskommt, wegoperiert oder dranoperiert wurde und da muss man manchmal schon hart im Nehmen sein...

Mit Miss D. war ich beim Lunch und sie hat mir von ihren Männergeschichten erzählt, zum Beispiel vom verheirateten Pastor mit dem sie eine jahrelange Affäre hatte. Sie sagt das sei allerdings schon lange her und sie hätte schon gerne einen Mann in ihrem Leben. Bei Little Brothers würde sie wohl keinen finden, weil da ja alle Männer total alt wären und nur auf Krücken laufen würden! Vielleicht sollte ich mal ein Tinder für Senioren 70+ erfinden, das wäre bei Little Brothers sicherlich der Renner.

Miss F., das strenge Rücksitz-Navigationssystem von meinem letzten Blogeintrag, empfing mich dieses Mal mit sanfteren Tönen und machte uns einen Tee. Wir kamen dann auf das Brain Fitness Program zu sprechen, welches hier mehrmals die Woche bei Little Brothers angeboten wird um den Senioren beizubringen wie man einen Computer benutzt. Miss F. wolle da nämlich unbedingt hin, weil sie Karten für die Steve Harvey Show bestellen möchte. Ich sagte ihr dann dass wir das auch über mein Handy machen können - ein paar Mails später bekam ich dann Bescheid, dass es geklappt hat und wir beide nächsten Dienstag zur Steve Harvey Show gehen!

Miss B. und ich wollten eigentlich einen Kaffee trinken gehen, beschlossen dann aber einen kleinen Roadtrip in die nördlichen Suburbs von Chicago zu machen. Es war richtig schönes Herbstwetter und wir sind vorbei an der Northwestern University, dem Baha'i Temple und vielen wunderwunderschönen riesigen Villen bis in den Norden gefahren und wieder zurück. Ich habe irgendwann das Ortsschild von Winnetka gesehen und... da war doch was. Tim, der ehemalige deutsche Freiwillige hier, hatte mir erzählt, dass dort das Haus steht, in dem Kevin - Allein zu Haus gedreht wurde. Da musste ich natürlich hin! Auch wenn Miss B. nicht ganz verstand warum ich mir denn unbedingt irgendsoein popeliges Haus angucken will. Das Haus steht wirklich einfach so unscheinbar zwischen anderen unscheinbaren Häusern, aber ich fand es total aufregend. Ich gucke den Film jedes Jahr mindestens ein Mal und kenne ihn so gut wie auswendig. Und jetzt stand ich einfach genau da!! Yay!

Mit meiner lieben Miss C. habe ich mich über das Leben nach dem Tod unterhalten und ich fragte sie, ob sie glaubt, dass man nach dem Tod einfach weg ist oder irgendwo, irgendwie weiterlebt. Als Antwort drückte sie mir eine Bibel in die Hand und sagte mir, dass man das doch einfach dort nachlesen kann. Ich müsste viel mehr in der Bibel lesen und mehr beten. Ich habe dazu mal nichts gesagt und mich einfach für die Bibel bedankt - sie steht jetzt bei mir auf dem Schrank und wird dort auch erstmal bleiben.

Und zu guter letzt gibt es noch einen Senioren, den ich nicht besuche, der aber komischerweise immer da ist wo ich auch bin, wenn ich das Nursing Home besuche, in dem er auch wohnt. Er sagte er sei der reichste Mann der Welt und er könnte mich ja adoptieren. Er mag Deutsche ja auch sehr gerne, er akzeptiere mich dann auch als seine Tochter, selbst wenn ich nicht deutsch aussehe. Na dann ist doch alles wunderbar!


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