Mein erstes Mal

Mein erstes Mal

19. November

...bin ich an meine Grenzen gestoßen. Die Arbeit, die wir hier bei Little Brothers machen, ist toll. Die Senioren und ich - wir lachen oft zusammen, wir unternehmen viel, wir geben uns gegenseitig Komplimente und genießen unsere Zeit zusammen (da gibt es natürlich auch Ausnahmen, aber dazu mehr in einem anderen Blogpost). Manchmal ist es hier aber auch anders und man wird von jetzt auf gleich mit dem Älter werden und allen Sachen, die da so zugehören, konfrontiert. Das ist mir schon einige Male passiert, aber gestern hat es mich echt umgehauen.

Einer meiner Senioren, Mister C., wohnt in einem Nursing Home, da er sich nicht mehr um sich selbst kümmern kann. Er ist ein kleiner, alter Mann, der noch richtig viele Scherze macht. "Hey, let's get some pizza! I will invite you!" oder "Can you bring me some beer?". Oder hat er mir auch erzählt, dass er und seine Freunde den Piccadilly Circus in London immer Pig Alley Circus genannt haben. Das hätte nämlich viel besser zu den Leuten dort gepasst. Vor circa drei Wochen wollte ich ihn in seinem Nursing Home besuchen, aber konnte ihn nicht in seinem Zimmer finden. Eine der Krankenschwestern sagte mir dann, dass Mister C. wegen einem Vorfall in ein anderes Zimmer verlegt worden wäre und keinen Besuch empfangen darf. Was das für ein Vorfall war durfte sie mir aber nicht sagen, da ich kein Familienmitglied bin. Das ist hier wirklich manchmal schrecklich, da einem niemand Bescheid sagt, wenn den Senioren etwas passiert. In Mister C.'s Nursing Home besuche ich noch drei andere Senioren und eine von ihnen erzählte mir dann, dass Mister C. einen Schlaganfall gehabt hätte. Das hat mich erstmal geschockt. Allerdings wusste ich auch nicht woher sie die Information hat und ob das wirklich stimmt. Die Woche darauf bin ich wiedergekommen und durfte Mister C. dann sogar besuchen! Als ich mich mit ihm unterhielt, hatte ich das Gefühl als würde dort ein komplett anderer Mensch vor mir sitzen. All seine Freude im Gesicht und seine lustige Art waren komplett verschwunden. Unsere Unterhaltung bestand auch mehr daraus, dass ich einfach erzählt habe wie das Wetter so ist, was wir gerade bei Little Brothers machen und was ich so die letzten Tage erlebt habe - denn zu allem was ich ihn fragte, sagte er nur "I don't know..". Er konnte sich auch nicht daran erinnern was mit ihm passiert war. Geschweige denn wo er war und warum er in einem neuen Zimmer wohnt. Es war als würde er etwas sagen wollen und hatte die Worte im Kopf zusammen, aber konnte sie nicht aussprechen. Das tat mir unglaublich leid. Ich habe ihm an dem Tag eine kleine Tüte voll Süßigkeiten mitgebracht und selbst die hat er nur kurz angeschaut und zur Seite gelegt (und sonst liebt er wirklich alles was man ihm mitbringt). Eigentlich sollen wir mit jedem Senioren mindestens eine Stunde verbringen, aber nach 35 Minuten habe ich mich von ihm verabschiedet. Ich hatte das Gefühl, dass er etwas Ruhe braucht und sich mit meinem Besuch nicht wirklich wohl fühlt. Ich wollte aber so schnell wie möglich wiederkommen und das habe ich am Freitag getan. Kurzer Schock als sein Namensschild nicht mehr an seinem Zimmer hing. Er wurde aber nur in ein anderes Zimmer verlegt. Als ich in sein Zimmer kam hat er mich nicht erkannt, wusste nicht was Little Brothers war und brachte kein einziges Wort raus. Er sah auch die ganze Zeit ganz traurig aus und war irgendwie abwesend. Manchmal zeigte er auf seinen Mund und ich versuchte ihm zu helfen.. Brauchst du Wasser? Creme? Soll ich eine Krankenschwester rufen? Bei allem schüttelte er nur den Kopf. Irgendwann stand er auf und zeigte auf die Toilette. Ich brachte ihm dann seinen Rollator und merkte dass es plötzlich sehr streng roch. Und da sah ich es auch schon.. Mister C. hatte sich "eingekotet". Und es lief ihm durchs Hosenbein bis auf seine Schuhe und verteilte sich damit auch auf dem Boden. Ich war erstmal kurz sprachlos und habe dann einer Krankenschwester Bescheid gesagt, dass sie ihn sauber machen müssten. Ich wollte dann zurück in sein Zimmer und mich verabschieden, aber als ich vor seiner Tür stand und mir der Geruch in die Nase stieg.. da musste ich einfach gehen. Mir ist so schlecht geworden. Schlecht weil er mir so unglaublich leid tat. Schlecht weil er so ein lebensfroher Mensch war und einfach nur noch dort saß und vor sich hin starrte. Schlecht weil ich ihm nicht helfen kann. Schlecht weil ich mich geekelt habe. Schlecht weil ich dann einfach gegangen bin ohne mich zu verabschieden und mir das irgendwie falsch vor kam. Schlecht weil ich Angst davor habe, dass wir uns nicht mehr wiedersehen.

 

Manche Menschen erleben diese Situationen tagtäglich - davor habe ich wirklich großen Respekt! Für mich war es das erste Mal in so einer Situation und mich hat es sehr viel mehr getroffen als ich mir das vorgestellt hätte. Ja, wir arbeiten mit Senioren ab 70 und da kann sowas natürlich immer passieren. Ich war trotzdem einfach überfordert. Und ab und zu fragt man sich eben auch wie es sein wird, wenn man selber mal alt ist. Wird man jahrelang in einem Altenheim sein? Komplett auf die Hilfe anderer angewiesen? Bekommt man dann noch viel mit was um einen herum passiert? Genießt man sein Leben dann trotzdem noch? Die Arbeit bringt mich wirklich manchmal zum Nachdenken.. und das gehört eben auch zu den Erfahrungen, die man in einem freiwilligen Jahr macht!


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Kommentare: 3
  • #1

    Khatun Mirsujan (Montag, 21 November 2016 11:45)

    Für mich ist es nachvollziehbar dass du dich überfordert gefühlt hast . Es scheint als würde das Alter die Autonomie und auch den Charakter des Herrn überschatten .. und so scheint es auch mit dem Alter zu sein man kann nicht so ''sich selbst sein ''wie man das doch zuvor all die Jahre kannte. Damit wird sicher jeder früher oder später zu kämpfen haben, was du gerade auch durch Mister C. veranschaulichst. Danke für deine ehrlichen Gefühle und Gedanken.

  • #2

    mah (Montag, 21 November 2016 19:45)

    Ach Kim, das tut mir leid! Für Dich und auch für Mr. C. Da fragt man sich natürlich, wie es uns gehen wird, wenn wir alt sind!
    Was du machst in deinem freiwilligen Jahr, ist echt lobenswert! Du gibst diesen Menschen ein bisschen Freude! Und mit deinem Blog erinnerst du mich daran, ein bisschen mehr auf meine Mitmenschen zu achten!

  • #3

    Kim (Donnerstag, 24 November 2016 05:53)

    Ihr Lieben, ich danke euch so für eure tollen Worte! Ganz viel Liebe an euch!!