Mein zweites Mal

Mein zweites Mal

...bin ich an meine Grenzen gestoßen. Mir ist mal wieder bewusst geworden, dass die Arbeit hier sehr viel Mut braucht und wirklich schwer sein kann.

Letzten Dienstag hatte ich geplant vier meiner Senioren im Norden Chicagos zu besuchen - Mr. & Mrs. W, Mr. A und Mr. C. Bei Mr. & Mrs. W. angekommen, haben wir uns erstmal über alle Neuigkeiten unterhalten und dann von alten Zeiten erzählt. Mrs. W hatte mir dann ein altes Foto von sich und ihrer Familie gezeigt, auf dem sie super hübsch aussieht! Ich habe ihr dann gesagt, dass ich ihren Rock auf dem Foto total schön finde. Da sagte sie dann nur sie könne den Rock überhaupt nicht mehr leiden. Ich wollte schon fast sagen, dass sie immer noch toll darin aussehen würde, als Mrs. W mir dann erzählte, dass sie diesen Rock anhatte als sie als junge Frau vergewaltigt wurde. Sie erzählte mir von dem Mann, der sie gegen ihren Willen in ein Auto gezerrt und sich an ihr vergangen hat. Dass dieser Mann nie dafür bestraft wurde und noch versucht hat ihr ein schlechtes Gewissen einzureden. Dass ihr damaliger Freund ihr die Geschichte nicht glaubte. Das hat mich unglaublich traurig und wütend gemacht.. Mrs. W ist so ein herzensguter Mensch! Aber ich war auch dankbar, dass sie so ein Vertrauen zu mir hat und so etwas Persönliches mit mir teilte. Und ganz besonders dankbar, dass sie nicht mehr mit diesem Blödmann-Freund zusammen ist und dafür den verständnisvollsten Mann dieser Erde getroffen hat: Mr. W!

Nach meinem Besuch bei den beiden wollte ich Mr. A, der mir immer Gospellieder vorsingt, in seinem Nursing Home besuchen. Als ich in sein Zimmer kam war das allerdings leer. Ich habe dann mit klopfendem Herzen die nächste Krankenschwester gefragt wo er denn wäre. Sie sagte mir, dass etwas passiert sei und er in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Ich habe irgendwie so gar nicht damit gerechnet, dass es Mr. A so viel schlechter gehen könnte.. er hat mich sonst immer mit einem großen Lächeln, Freudentränen und einem feuchten Kuss auf die Wange empfangen. Man ignoriert als Little Brothers Mitarbeiter manchmal gerne die Tatsache, dass die Senioren nun mal alt sind und nicht mehr ihr ganzes Leben vor sich haben. Also habe ich meistens auch Mr. A's Rollstuhl und den Schlauch, der aus seinem Bauch rausguckt, ausgeblendet. Weswegen und in welchem Krankenhaus er ist, das durfte die Krankenschwester mir mal wieder nicht sagen, da ich kein Familienmitglied bin. Natürlich hat das seine Gründe, aber es ist einfach schlimm zu wissen, dass der Senior irgendwo in einem Krankenhaus liegt und keinen Besuch bekommt.. Wüsste man wo, würde man ja sofort hinfahren! Ich werde jetzt jedes Mal wenn ich in der Nähe seines Nursing Homes bin nach ihm sehen. Etwas anderes kann ich leider nicht tun.

Ich habe mich dann auf den Weg in ein anderes Nursing Home gemacht, um nach Mister C. zu sehen. Nachdem sich sein Zustand schon bei meinem letzten Besuch ("Mein erstes Mal") so verschlechtert hatte, war er danach im Krankenhaus und uns wurde auch da nicht mitgeteilt wo er ist und wann er wieder kommt. Ich bin dieses Mal zu den Krankenschwestern gegangen und habe gefragt ob er da sei. Die Krankenschwester sagte mir dann, er sei in seinem Zimmer.. allerdings wären gerade Leute vom Hospiz bei ihm. Als ich ihn dann sah wusste ich auch warum. Er lag in seinem Bett, war nicht ansprechbar, konnte nicht mehr selbstständig atmen und hatte die Augen geschlossen. Zwei Frauen, die in einem Hospiz arbeiten, standen bei ihm, spielten Gitarre und sangen ein paar Lieder. Sie erzählten, dass sie das für jeden Veteran machen würden, um ihm für seinen Dienst zu danken. Sehr amerikanisch. Aber es war sehr schön. Wir standen dann zu dritt um sein Bett und ich war irgendwie sprachlos - ich wusste nicht so recht was ich machen soll. Mr. C. lag im Sterben. Und ich wusste genau, dass es nicht mehr lange hin ist. Jeder in dem Raum weiß es, allerdings spricht es niemand aus. Man will es eben nicht wahrhaben. Eine seiner Krankenschwestern kam noch vorbei und wir unterhielten uns über Mister C. und sein ereignisreiches Leben.. und natürlich über seinen einzigartigen Humor! Sie fing an zu weinen und die beiden Hospiz-Frauen stimmten noch ein Lied an. Irgendwann war ich dann alleine neben ihm an seinem Bett und hielt seine Hand. Erzählte ein bisschen aus meinem Leben. Vielleicht hörte er mich nicht, vielleicht aber schon. Ich wollte einfach noch ein bisschen da sein. Alle paar Minuten hörte er für einige Zeit auf zu atmen und schnappte dann wieder nach Luft. Er litt. Und ich hoffte einfach nur, dass er nicht mehr lange so leiden muss.. Ich weiß gar nicht wie lange ich bei ihm war, aber irgendwann habe mich von ihm verabschiedet und ihm gesagt wie froh ich bin ihn kennengelernt zu haben! In solchen Momenten kommen Worte aus deinem Mund, über die man gar nicht nachdenken muss - die sprudeln einfach aus deinem Herzen. Gestern habe ich sein Nursing Home besucht. Sein Namensschild hing nicht mehr an der Zimmertür. Er ist einen Tag nach meinem Besuch verstorben.


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